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Autor
Sarid, Yishai

Siegerin

Untertitel
Roman. Aus dem Hebräischen von Ruth Achlama
Beschreibung

Eine Psychologin macht Soldatinnen und Soldaten fit für das Töten. Sie sollen kompromisslos dazu bereit sein, aber zugleich menschlich bleiben. Das Dilemma führt mitten in die israelische Gegenwart.
Der Roman handelt von der ständigen Anwesenheit des Krieges im privaten Leben der Menschen. Das ist kein Roman über den Nahost-Konflikt, vielmehr zeigt er eine weitere Seite der israelischen Gegenwart.
(ausführliche Besprechung unten)

Verlag
Kein & Aber, 2021
Format
Gebunden
Seiten
240 Seiten
ISBN/EAN
978-3-0369-5840-8
Preis
22,00 EUR

Zur Autorin/Zum Autor:

Yishai Sarid wurde 1965 in Tel Aviv geboren, wo er bis heute lebt. Nachdem er als Nachrichtenoffizier in der israelischen Armee tätig war, studierte er in Jerusalem und an der Harvard University und arbeitete später als Staatsanwalt. Heute ist er als Rechtsanwalt tätig und veröffentlicht Artikel in diversen Zeitungen. Bei Kein & Aber erschienen bislang seine Romane Limassol, Alles andere als ein Kinderspiel und zuletzt Monster.

Zum Buch:

Eine Psychologin macht Soldatinnen und Soldaten fit für das Töten. Sie sollen kompromisslos dazu bereit sein, aber zugleich menschlich bleiben. Das Dilemma führt mitten in die israelische Gegenwart.

Der neue Roman von Yishai Sarid leuchtet eine Seite des Lebens in Israel aus, die für diejenigen, die den deutschen Alltag als Normalität erfahren, vollkommen fremd ist. Er handelt von der ständigen Gegenwart des Krieges im privaten Leben der Menschen. Das ist kein Roman über den Nahost-Konflikt, vielmehr zeigt er eine weitere Seite der israelischen Gegenwart, nachdem Sarid in seinem Roman „Monster“ (Kain & Aber 2019) davon erzählte, wie die Schoa das subjektive Erleben des Politischen prägt. Bereits dort geht es nicht zuletzt um die ununterbrochene Notwendigkeit, sich auf kriegerische Auseinandersetzungen einzustellen. Aus der Ferne betrachtet, scheint es um die Funktionalisierung der Schoa für die mentale Vorbereitung auf den Kampf zu gehen. Aber es ist keine Funktionalisierung, sondern einer der Gründe, warum sich das Kollektiv der jüdischen Israelis, wie es in „Monster“ heißt, „keine Sekunde der Schwäche erlauben darf“.

Wer ist die „Siegerin“? Ich denke nicht, dass es die Protagonistin ist, die Psychologin, die für das Militär arbeitet. Die Siegerin ist vielmehr Noga, so etwas wie die ideale Patientin der Protagonistin. Sie strahlt – nachdem sie zunächst einem psychischen Stresstest unterzogen wurde, der sie auf den Kampf vorbereitet hat. Von ihr fühlt sich die Protagonistin zutiefst angezogen. Die Geschichte ihres Sohnes ist ein weiterer wesentlicher Strang der Erzählung, den es zu entdecken gilt. Denn die Notwendigkeit, sich als Kämpfer zu bewähren, zerbricht die Menschen, es ist überhaupt nicht selbstverständlich, dass die Siegerin die Hauptperson ist.

Ich-Erzählerin ist die Psychologin, ihr Name wird nicht genannt. Die Soldaten sollen nicht einfach – wie es der Klappentext des Buches formuliert – fit sein, um den Feind zu besiegen und selbst am Leben zu bleiben. Sie sollen das Töten emotional als einen Teil ihrer Persönlichkeit akzeptieren. Die Ich-Erzählerin bewegt sich bewusst auf dem schmalen Grad zwischen der Begeisterung für das Morden und der Reflektion der Gefahr, die eine Gewöhnung an das Töten als Beruf mit sich bringt. Eine der zentralen Figuren des Romans, der Bildhauer Mendi, steckt tief in den Traumata fest, die er aus seiner Zeit als Nahkämpfer mitgenommen hat. Die Psychologin hat ihn therapiert und mit ihm Freundschaft geschlossen. Mit ihm spricht sie über das Leben nach dem Kampf.
Ihre eigentliche Arbeit ist aber das Training der künftigen Kämpferinnen und Kämpfer. Ihre Lehrgänge für Bataillonsführer sind ein Angebot zur Selbstreflektion über das, was die eigene Erfahrung mit dem Krieg und speziell dem Töten für die Professionalisierung bedeutet. Der Antagonist dieses psychologischen Trainingskonzepts ist ihr Vater, ein Psychoanalytiker der alten Schule. Leise und geduldig versucht er in seinem Raum, den die Protagonistin als Kind wie ein Heiligtum achtete, die Patienten zu begleiten. Er tut das auch heute noch, bis zu seinem Tod, den sie als großen Verlust erfährt. Diese beiden Konzepte der Arbeit an der Seele der Menschen sind wie ein Spiegel der Differenz zwischen dem, was ich als Bild von jüdischen Intellektuellen im Europa vor der Schoa auf der einen und von zum physischen Kampf bereiten Israelis der Gegenwart auf der anderen Seite imaginiere. Vielleicht ziemlich plakativ, aber so ergeben sich neue Aspekte, um die von den ununterbrochenen Bedrohungen und Kriegen geprägte israelische Gesellschaft zu verstehen.

Gottfried Kößler, Frankfurt