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Hörbücher

Autor
Bjerg, Bov

Serpentinen

Untertitel
Ungekürzte Lesung. Sprecher: Robert Stadlober
Beschreibung

Wer vielleicht gerade noch im Kino die Verfilmung des Bestsellers Auerhaus gesehen hat und sich jetzt mit Bov Bjergs gerade erschienenen Roman Serpentinen eine Fortsetzung der Coming-of-Age-Geschichte erhofft, wird diese nicht finden. Was jedoch tatsächlich erneut auftaucht und eine Verbindung zwischen den beiden Geschichten herstellt, ist das Motiv des Suizids, das auch im neuen Roman des Autors eine zentrale Rolle spielt. Wo sich allerdings die Grundstimmungen der Auerhaus – Jugendlichen noch zwischen düster-panischem Humor und einem Alles-ist-möglich-Größenwahn bewegte, spürt man während der Autofahrt von Vater und Sohn durch die Serpentinen der schwäbischen Alb sofort die Beklemmung einer Jugend in der Provinz.
(ausführliche Besprechung unten)

Verlag
Hörbuch Hamburg, 2020
Format
0
Seiten
Seiten
ISBN/EAN
9783957131997
Preis
22,00 EUR

Zur Autorin/Zum Autor:

Autor
Bov Bjerg, Jahrgang 1965, ist Schriftsteller und Vorleser. Er gründete mit Freunden verschiedene Berliner Lesebühnen: Dr. Seltsams Frühschoppen, Mittwochsfazit, Reformbühne Heim & Welt. Sein erster Roman hieß »Deadline«, sein zweiter »Auerhaus«, letzterer ist für verschiedene deutsche renommierte Theaterhäuser adaptiert und inszeniert worden. Bov Bjerg ist Hugo-Ball-Preisträger 2020.

Sprecher
Robert Stadlober, geboren 1982 in Österreich, ist einer der bekanntesten deutschsprachigen Schauspieler der jüngeren Generation. Besondere Aufmerksamkeit erregte er mit Kinofilmen wie »Sonnenallee« oder »Mackie Messer – Brechts Dreigroschenfilm«. Für seine schauspielerische Leistung wurde Stadlober unter anderem mit dem Bayerischen Filmpreis als Bester Nachwuchsschauspieler für »Crazy« ausgezeichnet. Außerdem ist er als Theaterschauspieler, Musiker und Hörbuchsprecher erfolgreich.

Zum Buch:

Wer vielleicht gerade noch im Kino die Verfilmung des Bestsellers Auerhaus gesehen hat und sich jetzt mit Bov Bjergs gerade erschienenem Roman Serpentinen eine Fortsetzung der Coming-of-Age-Geschichte erhofft, wird diese nicht finden. Was jedoch tatsächlich erneut auftaucht und eine Verbindung zwischen den beiden Geschichten herstellt, ist das Motiv des Suizids, das auch im neuen Roman des Autors eine zentrale Rolle spielt. Wo sich allerdings die Grundstimmungen der Auerhaus – Jugendlichen noch zwischen düster-panischem Humor und einem Alles-ist-möglich-Größenwahn bewegte, spürt man während der Autofahrt von Vater und Sohn durch die Serpentinen der schwäbischen Alb sofort die Beklemmung einer Jugend in der Provinz.

Eigentlich könnte es ein ganz normaler Ausflug sein: Ein Vater zeigt seinem Sohn die Plätze seiner eigenen Kindheit und Jugend. Ein Besuch der kleinen Kirche oben am Hang, das Eintauchen der Fingerspitzen ins Weihwasser, eine bis eben noch verschüttete Kindergewohnheit. „Was machst Du?“ fragt der Sohn überrascht, und wirklich überzeugend kann der Vater nicht erklären, warum er sich bekreuzigt. Er kennt sich gut aus hier, der Vater, und ein bisschen stolz ist er auch, stolz, einer von hier zu sein und kein Tourist.

Außen kurze Dialoge zwischen Vater und Sohn. Innen Erinnerungen an die Schule, den Lehrer, an eine passive Mutter, an die Angst, wenn der Vater getrunken hatte, Rückblenden zu einem Nachmittag mit dem mal nüchternen Vater. Über allem schwebt von Anfang an die Suche nach einem Ausweg aus dem sich ewig wiederholenden Familiendrama: der Vater trinkt, der Vater schlägt, der Vater bringt sich um.

Dabei ist in seinem Leben doch alles anders. Es gibt keine solidere Familie als seine – „Die Anwältin, der Soziologe und ihr wohlerzogener Sohn“. Und doch gab es Streit zwischen M. und ihm, ein Streit bei dem M. sich im Bad einschloss und er wie im Rausch die Tür eintrat. Sein Junge mit großen Augen daneben: „Ich habe Angst“. Haben wir wirklich eine Wahl oder wiederholen wir doch nur, was wir zu Hause erfahren und gelernt haben? Können wir unserer Familiengeschichte entfliehen oder holt sie uns spätestens dann ein, wenn wir selber Kinder bekommen und sich in ihren Augen unser Kinderblick auf die eigenen Eltern spiegelt? Die wiederkehrende Frage des kleinen Sohnes: „Um was geht es?“ gibt dem Text einen besonderen Rhythmus und erinnert an Kinderspiele, die mit festgelegten Fragen und Antworten den Spielablauf bestimmen. So wie auch das Leben des Ich-Erzählers einem vorgezeichneten Weg von Alkohol, Depression und Gewalt zu folgen scheint. Oder hat er vielleicht doch eine Wahl?

Bjerg nähert sich in der ihm eigenen Sprache mit spröden Sätzen und fragmentarischen Erinnerungen den Themen Identität, Herkunft und Entscheidungsfreiheit. Wie die Serpentinen sich durch die Hügel der schwäbischen Alb schlängeln, so folgt er den Gedanken seines Protagonisten, die nicht haltmachen vor dem Undenkbaren, dem Kindsmord als einzig möglicher Auflösung des Familientraumas …

Der neue Roman von Bov Bjerg ist im Claassen Verlag erschienen, der 1934 gegründet und dessen Programm seit 2020 unter dem Dach der Ullstein Verlage fortgeführt wird. Der Verlagsgründer Eugen Claassen hatte schon immer Literatur im Blick, die das Unbekannte und das Experiment nicht scheute. Serpentinen knüpft unerschrocken an diese Tradition an und eröffnet uns LeserInnen damit literarisch und inhaltlich bereichernde Einblicke und Ausblicke.

Larissa Siebicke, autorenbuchhandlung marx & co, Frankfurt